Hoffnung gegen das Virus

Evangelische Allianz:

Probst und Baptisten-Pastor sprechen über ihren Glauben und wie er in der aktuellen Situation helfen kann

Das Coronavirus ist Ende Februar auch nach Deutschland gekommen. Seitdem hat sich das Leben verändert. Es bringt durcheinander, wie wir arbeiten, wen wir treffen, wie Menschen ihren Glauben leben können – unser Alltag steht auf dem Kopf.

Damit verändert sich der Blick aufs Leben. Wer oder was trägt mich, wenn mich die Sorgen im Griff haben? Wie kann ich jetzt mit der Situation umgehen?

Lars Dedekind, Probst der evangelischen Landeskirche Braunschweig, und Dr. Michael Bendorf, Pastor der Braunschweiger Friedenskirche, erklären im Interview, worin für sie die Kraft des Glaubens liegt, wie Jesus der Angst begegnet ist und wie Glaube und Wissenschaft zusammenpassen.

Die Fragen stellte Brigitte Hartung

Das Coronavirus birgt reale Risiken – macht Angst und verunsichert uns zu Recht. Herr Dedekind, Sie als Chef der evangelisch-lutherischen Propstei Braunschweig haben einen guten Draht nach oben. Wie gehen Sie mit Angst und Unsicherheit um?

Lars Dedekind:

(schmunzelt) Das ist nett, dass Sie mir einen guten Draht nach oben attestieren, aber meiner ist so gut, wie jeder andere auch. Ich denke nicht, dass Gott da Unterschiede macht, sondern dass ihm alle Menschen gleich wichtig sind. Sich das bewusst zu machen, dass ich, egal was kommt, von Gott geliebt bin, das kann schon eine erste Antwort auf die Angst sein.

Es ist ja wahr, dass unser Leben immer der Bedrohung des Todes abgerungen ist. Ein Wunder, dass Leben überhaupt existiert, wenn man die lebensfeindlichen Weiten des interstellaren Raumes betrachtet. Ein noch größeres Wunder, dass Leben ausgerechnet hier und jetzt auf diesem Planeten Erde existiert.

Und das größte Wunder ist, dass wir existieren. Eine jede und ein jeder, der gerade lebt! Gleichzeitig ist klar: Unser individuelles Leben ist begrenzt.

Wir gehen von der Geburt auf den Tod zu. Das wir endlich sind und um unsere Endlichkeit wissen, ist meines Erachtens die eigentliche Ursache unserer Angst. Wer sein Leben aber in Gottes Unendlichkeit geborgen weiß, braucht nichts zu fürchten.

Das befreit mich nicht von emotionaler Anspannung, von Herausforderungen und Aufgaben, die mir das Leben stellt, aber es gibt mir eine grundlegende Basis der Geborgenheit, aus der heraus ich Kraft schöpfe, um jeden Tag als neues Geschenk anzunehmen – das Schöne, aber auch das Schwere.

Aus der Bibel wissen wir, wie Jesus Angst hatte im Garten Gethsemane, bevor er verhaftet wurde. Was können wir von seinem Umgang damit lernen?

Lars Dedekind:

Wenn wir uns in Gott geborgen wissen, dann können wir uns ihm auch wirklich ganz anvertrauen; genauso wie Jesus es im Garten Gethsemane tat, als er zu Gott betete: „Dein Wille geschehe!“ Dieses Vertrauen auf Gott, auf Gottes liebende Gegenwart, die uns durch alles begleitet, selbst durch den Tod, ist gemeint, wenn wir als Kirche vom Glauben sprechen. Glauben ist für mich das Vertrauen auf die Quelle des Lebens, auf Gott.

Der Mensch ist ein soziales Wesen – und soll nun Abstand halten. Und auch Glaube und Christsein findet in Gemeinschaft statt. Wie gehen Sie mit dieser Herausforderung um?

Michael Bendorf:

Die Gemeinschaftserfahrung, die uns auch in der Ausübung unseres Glaubens so gut tut, können wir aktuell nur eingeschränkt und auf Distanz erleben. Wir versuchen es auf alten und neuen Wegen: Meine Gemeinde bekommt jede Woche einen Brief von mir, wir achten gemeinsam aufeinander, unterstützen einander durch Einkäufe, telefonieren miteinander und stehen im Mailkontakt.

Wir haben in der Gemeinde über 60 Kleingruppen bzw. Hauskreise, in denen das große Gemeindeleben auf persönlicher Ebene abgebildet ist. Gerade hier beten wir viel füreinander. Das Gebet ist für uns eine starke Gemeinschaftserfahrung. An jedem Wochenende bieten wir drei Internet-Gottesdienste an.

Wir Pastoren sind täglich auf unserem YouTube-Kanal mit einem kurzen Ermutigungswort zu sehen. Zudem wiederholen wir unsere Sonntagspredigt jeden Dienstag am Telefon; dabei können bis zu 100 Personen zuhören. Und nicht zuletzt bieten wir Telefonseelsorge an. Das alles hilft uns Gemeinschaft zu leben.

Lars Dedekind:

Das ist in der Tat nicht einfach. Als Menschen sind wir auf andere Menschen bezogen. Als Christen werden wir sehr konkret zur Gemeinschaft, zur gegenseitigen Anteilnahme, zum Umeinander-Kümmern aufgefordert.

Es gibt in unserer Kirche zum Beispiel die Sakramente der Taufe und des Abendmahls, die eine sehr unmittelbare Gemeinschaft miteinander schaffen und zurzeit deshalb nur schwer umsetzbar sind. Wir kennen aber auch die Gemeinschaft im Geist.

Das Miteinander-Verbunden-Sein im Gebet. Außerdem werden auch die meisten Leserinnen und Leser Situationen kennen, wo sie sich anderen Menschen sehr nah und verbunden gefühlt haben, obwohl sie von ihnen räumlich getrennt waren.

Diese Erfahrung der Gemeinschaft machen momentan viele Menschen weltweit und somit kann, so paradox es auch klingen mag, die Corona-Pandemie trotz geschlossener Grenzen und Abstandsregeln uns auch miteinander verbinden. Diese Pandemie betrifft schließlich uns alle.

Der Zukunftsforscher Matthias Horx sagt, dass die Welt „as we know it“ sich gerade auflöst. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen die für unser Leben auch positive Veränderungen mit sich bringen kann. Wie sehen Sie das als Pastor?

Michael Bendorf:

In der Tat entwickelt sich unser 21. Jahrhundert zu einem echten Krisenjahrhundert. Auch unser neues drittes Jahrzehnt ist extrem krisenreich: Neben der Klimakrise haben wir nun die Corona-Krise und mit ihr einhergehend eine Gesundheitskrise, eine Finanzkrise, eine Gesellschafts- und Demokratiekrise und auch eine Bildungskrise.

Wir schlittern voll in eine Wirtschaftskrise hinein und nach all diesen Krisen werden wir es grundlegend mit einer System- und Wertekrise zu tun haben: Wir werden intensiv bewegen müssen, wie wir miteinander leben wollen und wie wir unsere Gesellschaft gestalten wollen. Das sehe ich sehr positiv, weil wir diese Fragen über Jahrzehnte hinweg viel zu kurz bewegt haben. Zudem sehe ich, dass wir es parallel mit einer Respiritualisierung unserer Gesellschaft zu tun haben.

Immer mehr Menschen suchen in dieser materiellen und existenziellen Krise spirituelle Erfahrungen, stellen die Sinnfrage und suchen danach, was trägt und eine Bedeutung in ihrem Leben haben könnte. Für diese Menschen möchte ich gerne als Ansprechpartner zur Verfügung stehen, weil ich glaube und es auch so tief erfahren habe, dass wir es mit einem Gott zu tun haben, der lebendig ist und nahe bei den Menschen sein möchte.

Abschließend eine Frage noch: Was ist für Sie das Besondere am christlichen Glauben?

Michael Bendorf:

Meine wissenschaftliche Ausbildung hat mir in meinem Theologiestudium sehr geholfen. Oftmals hat man ja auch mit der Wissenschaft versucht, die Existenz Gott zu widerlegen oder umgekehrt zu beweisen. Hilfreich ist für mich, wenn ich zunächst bei der Offenbarung Gottes ansetze: Wie zeigt sich Gott? Zentral in seinem Wort, in Jesus Christus, in der Verkündigung und in der Erfahrung des Geistes Gottes.

Von dieser Offenbarung her kann ich dann auch wissenschaftlich und theologisch denken und glauben. Gott hat uns einen Verstand gegeben. Den setze ich gerne ein, aber mit der Mystikerin und Theologin Evelyn Underhill möchte ich auch sagen: „Wenn Gott klein genug wäre, um ihn verstehen zu können, wäre er nicht groß genug, um ihn anzubeten.“ Aber die Anbetung ist für mich entscheidend.

Lars Dedekind:

Für mich ist das Wesentliche des christlichen Glaubens in der Liebe und dem Vertrauen begründet, das Jesus uns vorgelebt hat und an dem wir durch Christus Anteil haben in Freud und Leid, im Leben und im Tod.

Propstei Braunschweig
Die evangelisch-lutherische Propstei Braunschweig ist nach Kirchenmitgliedszahlen die größte der 12 Propsteien der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Braunschweig. Die Propstei umfasst 28 Kirchengemeinden.

Braunschweiger Friedenskirche
Die Braunschweiger Friedenskirche ist Mitglied im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland (BEFG). Sie versteht sich mit den anderen evangelischen Kirchen in der Tradition der Reformation. Die Friedenskirche hat rund 1.300 Mitglieder.